Recherche des Mindener Tageblatts zu Kosten und Erfolgen von Massen-DNA-Tests

Das Mindener Tageblatt hat nach Leseranfragen recherchiert, was Massen-DNA-Tests kosten und welche Erfolge sie hervorbringen. Leider gab es fast keine konkreten Auskünfte von Mordkommission, Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen und Bundeskriminalamt – Statistiken würden dort nicht geführt. Interviewt wurde auch der »Lawblogger« Rechtsanwalt Udo Vetter.

DNA-Reihenuntersuchungen in Ostwestfalen-Lippe

In den letzten Jahren waren in Ostwestfalen-Lippe nach drei Mordfällen umfangreiche »freiwillige« Massengentests durchgeführt worden:

  • Mordfall Irma K. in Döhren, Petershagen, Kreis Minden-Lübbecke, 2012: Speichelproben von etwa 600 Männern (Stand Februar 2013) aus der Umgebung.
  • Mordfall Nelli G. in Halle, 2011: Speichelproben von mehr als 6000 Männern (Stand Januar 2013) im Alter von 18 bis 60 Jahren aus der Umgebung.
  • Mordfall Amtenbrink in Gütersloh, 2009: Speichelproben von etwa 12000 Männern im Alter von 14 bis 80 Jahren (Stand Juni 2010) aus der Umgebung.

In keinem dieser Fälle führten die umfangreichen DNA-Untersuchungen zu einem Täter.

Auswahlkriterien für Speichelproben

Kriterien für die Auswahl waren immer nur pauschal und äußerst allgemein:

  • Männlich,
  • in einer weit gefaßten Altersgruppe,
  • in einem gewissen Umkreis um den Tatort bzw. Fundort der Leiche, der im Verlauf der erfolglos laufenden DNA-Reihenuntersuchungen immer weiter ausgeweitet wurde.

Konkrete Hinweise oder Verdachtsmomente lagen nicht vor.

(Keine) Statistiken

Bedenkt man den extremen Grundrechtseingriff durch eine DNA-Probe sowie den riesigen Umfang der betroffenen, nahezu willkürlich eingegrenzten Bevölkerungsgruppe, ist es ein Skandal, daß die Behörden keine Statistiken über den »Erfolg« ihrer Methoden führen. Der Fachanwalt für Strafrecht Udo Vetter wird zitiert: »Fehlschläge werden grundsätzlich von der Polizei nicht festgehalten.«

Wie will man so die Wirksamkeit und Angemessenheit der Methoden beurteilen, was sicherlich wissenschaftlich und politisch notwendig wäre?

Kosten der Massen-DNA-Tests

Laut Westfalen-Blatt wurden die Kosten für die Gentests im Mordfall Nelli G. aus Halle im Sommer 2012 auf 20000 bis 30000 Euro geschätzt. Danach folgten etwa 2000 weitere DNA-Untersuchungen. Geschätzt fünf bis acht Euro pro DNA-Untersuchung erscheinen unglaublich günstig, es sei denn, dort wurden nur Material-, aber keine Arbeitszeitkosten eingerechnet.

Das Mindener Tageblatt hat am 2013-04-07 einen Infokasten mit Kosten der DNA-Reihenuntersuchung laut Landeskriminalamt im Mordfall Irma K. aus Döhren bzw. mit eigenen Schätzungen nachgereicht:

Bei einem privaten Unternehmen würde die Analyse einer einzelnen Speichelprobe 30 bis 50 Euro kosten. Innerhalb der Behörden würde das nicht berechnet.

Ungefähre minimale und maximale Kosten für die reine Analyse von Speichelproben:
Anzahl der SpeichelprobenMinimale KostenMaximale Kosten
130 €50 €
60018000 €30000 €
6000180000 €300000 €
12000360000 €600000 €

Hinzu kommen Materialkosten wie Wattestäbchen zur Speichelentnahme, Versandkosten, Verwaltungskosten und Fahrkosten der bei der Sammlung eingesetzten Beamten.

Nicht in der Rechnung enthalten sind Arbeitszeit und Lohnkosten der eingesetzten Beamten, die die im Umkreis lebenden Männer Zuhause oder am Arbeitsplatz (im Mordfall Irma K. aus Döhren) aufsuchen bzw. an Sammelstellen zu bestimmten Terminen (im Mordfall Nelli G. aus Halle) Speichelproben entnehmen, Daten erfassen und Gespräche führen.

Im Mordfall Irma K. aus Döhren waren zehn Beamte vier Wochen dafür unterwegs. Das Mindener Tageblatt schätzt die Lohnkosten auf 30000 bis 40000 Euro; die Gesamtkosten für den DNA-Test mit 600 Teilnehmern in Petershagen werden auf 50000 bis 75000 Euro geschätzt, was die Polizei nicht kommentieren möchte.

Lob für Recherche der Lokalzeitung

Abschließend ist lobend hervorzuheben, daß eine kleine Lokalzeitung sich auch einmal kritisch mit solchen Themen auseinandersetzt (im Falle des Mindener Tageblatts sogar mehrfach) und entsprechend recherchiert, auch wenn die Antworten der Behörden unbefriedigend sind.

(Im übrigen fehlt mir am Ende des MT-Artikels eine Möglichkeit, einen kleinen Geldbetrag zu spenden – ähnlich wie es die taz mit der Aktion »taz zahl ich« macht –, um meine Anerkennung für die journalistische Arbeit nicht nur durch Linkempfehlungen wie hier, sondern auch monetär auszudrücken.)


Nachtrag vom 2013-04-07:

Nachtrag vom 2013-04-08:

Das Mindener Tageblatt hat in einem Infokasten Kosten der DNA-Reihenuntersuchung nachgereicht.

Ein Gedanke zu „Recherche des Mindener Tageblatts zu Kosten und Erfolgen von Massen-DNA-Tests

  1. Pingback: » Massengentests – Fehlversuche zählen nicht - mein Senf - Andreas Edler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.